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30.05.04 Werder hat gewonnen. Deutschland denkt grün/weiß. Naja, eigentlich grün/orange, denn das sind die Farben, in denen Werder gestern gegen Aachen gewonnen hat. Zur Schale noch den Pokal geholt. Ich fasse es nicht. Nicht, dass mich Fußball sonderlich interessiert. Nein, im Gegenteil, der ganze Medienrummel um ein paar auserwählte Kicker, die bei einem Spiel von rund 90 Minuten mehr verdienen, als ich in einigen Jahren, ist mir zuwider. Alles nur gekauft, und welcher Werderspieler ist denn noch Bremer? Ich sehe mir die Spiele nicht an, reihe mich nicht ein, in die Menge grölenden Fans, die mit Bier und Senf besudelt kein vernünftiges Wort mehr voreinander bekommen. Zigtausende auf dem Marktplatz, die heute die Mannschaft erwarten. Großer Straßenbahnkorso durch die Stadt. Schon seit gestern Abend Bierflaschengeklirre zwischen unseren Wohnblocks, laute Musik, meist Werderlieder von der Meister-CD. Lautes Gesinge, nervtötendes Gebrabbel. Das alles mehrmals verstärkt im unruhigen Halbschlaf wahrgenommen zwischen den eng stehenden Blocks. Party die ganze Nacht…. Da hilft auch kein Lokalpatriotismus, der mir angeboren ist. Früh stehen wir auf, fühlen uns wie gerädert. Lass die doch feiern, wir machen uns fort, fort von dieser Horde, die mit blutunterlaufenen Augen so unverschämt röchelt: „Wir haben gewonnen, man. Wääärdäääaa – Wääärdäääaa!“ Stimmen wie Reibeisen, durch Alkohol und Tabak in Frequenzen verfälscht, die niemand mehr versteht. Jeder ist Fan, jeder ist Meister. Ausgelebtes und überzogenes WIR-Gefühl einer Horde, die, außer ein paar Kisten Bier und Chips, rein gar nichts zu dieser Leistung beigetragen haben. Wir wollen nur einfach ein Stück fahren, ein wenig Ruhe haben. Alle Welt trifft sich auf dem Marktplatz oder liegt um diese Zeit noch in den Federn. Jetzt, kurz nach Acht, besteht noch keine Gefahr, auf den kleinen Straßen in einen Stau von Spaziergängern, Radfahrern oder anderen Ausflüglern zu geraten. Einfach nur weg, mit der Wing herumfahren und vom nahenden Urlaub träumen. Endlich die Ermüdungen der schönen, aber anstrengenden Wochen rund um Jubiläum und Silberhochzeit abschütteln. Die erste längere Fahrt in diesem Jahr, die Monika mitmacht. Endlich, sagt sie. Aber in diesem Jahr hatten wir noch nicht die Gelegenheit. Zu viele Dinge mussten wir erledigen, alle Wochenenden waren voll, nie war das Wetter angenehm genug. Wann gab es das denn schon, dass im späten Mai noch 2 Grad in der Nacht angezeigt wurden? Heute sind es um 7 Uhr gerade 6 Grad gewesen. Aber das ist egal, wir fahren trotzdem. Absolute Leere. Kein Fahrzeug ist auf der Straße. Die Luft ist kühl, aber nicht kalt. Ich habe meine neue Sonnenbrille aufgesetzt und den Klapphelm offen gelassen. Zumindest den Langen Jammer herunter, den ich nur langsam entlang flaniere. Monika sitzt entspannt hinter mir und genießt die ersten Meter. Unsere Jacken haben noch das Winterfutter, aber mit ein paar Handgriffen könnten wir es herausnehmen. Heute reicht ein einfaches Polohemd unter der Jacke, denn es werden etwa 22 Grad erwartet. Dann die erste Ampel mit Stillstand. Ich beobachte an mir wieder das Phänomen, dass das direkte Anhalten irgendwie nicht so sanft und sauber klappt. Holperig, mit einem Nicken und staksigen Stützbeinen komme ich zum Stehen. Himmel, wir haben Zigtausende abgespult, und immer wieder zu Beginn einer Fahrt diese Hoppelei bei der ersten Bremsung mit Sozia. Peinlichkeiten, die ich mit irgendwelchen anderen Bewegungen zu kaschieren suche. Dann die nächste Ampel. Noch immer nicht ideal und sanft, aber besser. An der dritten Ampel endlich Ruhe, keine Probleme. Ich bin gewiss nicht einer der besten Zweiradfahrer, aber ich bemühe mich immer, unauffällig und sanft zu Fahren. Das erhöht den Fahrspaß und schont Mensch und Maschine. Der Lange Jammer ist die Ausfallstraße in das Bremer Umland. Gleich an der Landesgrenze, direkt hinter der Wümmebrücke, das Nadelöhr Lilienthal. Abertausende von Pendlern quälen sich auf dieser engen Straße tagtäglich Richtung Bremen. Und Nachmittags zurück. Der Rückbau der Heerstraße in Bremen auf eineinhalb Spuren zwischen Borgfeld und Horn trägt auch einiges dazu bei. Die Verlängerung der Straßenbahn war politisch erzwungen, die zweite Verlängerung nach Niedersachsen teilt die Menschen in kriegerische Lager. Aber heute ist davon nichts zu sehen. Heute ist dörfliche Ruhe angesagt und die wenigen Menschen vor ihren Häusern beachten uns nicht. An der Wümmebrücke laden mehrere Frühaufsteher ihre Kajaks ab, bereit für ihre Pfingsttour auf dem Wasser. Wie ein Spinnennetz ist unsere Landschaft von kleinen Flüssen und Kanälen überzogen. Die Namen kleiner Lokale mit jahrzehntelanger Tradition klingen in den Ohren, Anlaufstellen für durstige Radler und Wasserwanderer. Und im Winter, wenn die Wiesen geflutet und überfrohren sind, kann man sie auf Schlittschuhen erreichen. Ich selbst habe diese Gegend noch nicht vom Wasser aus erkundet, werde es auch nicht tun. Meine Tour, an die ich spontan denken muss, ist fast 30 Jahre her. In einem heißen Sommer bin ich mit dem Kajak von Orleans bis an die Atlantikküste gepaddelt. Ein Erlebnis, das sich für mich nie wiederholen lässt. Einige hundert Kilometer auf der Loire, nur Stille, Sonne, Wein und Baguette. Lange vorbei, aber manchmal so frisch in Erinnerung, als ob es gestern gewesen wäre. In der Häuserschlucht der Lilienthaler Kurve kommt mir zu Bewusstsein, wie ruhig und leise unsere Wing ist. Unauffällig rollt sie mit einem kaum hörbaren Brummen durch die enge Durchgangsstrasse. Was finden andere Motorradfahrer nur daran, extra laute Endtöpfe zu haben? Warum muss ein Motorrad so röhren, laut sein? Warum brauchen junge Fahrer tiefergelegte Golf oder Motorräder mit Sportauspuff? Ist „laut“ gleich „schnell“? Ist „laut“ gleich „sportlich“? Was empfinden Menschen beim Klang einer 100db lauten Harley? Nein, das ist nichts für mich, das empfinde ich für überzogen und aufdringlich. Ich habe durchaus nicht das Gefühl, dass „irgendwelche genetisch bedingten, maskulinen und animalischen Instinkte“ beim Donnern eines lauten Fahrzeugs in mir geweckt werden. Je leiser das Fahrzeug ist, um so mehr bekomme ich von meiner Umwelt mit, umso weniger falle ich der Umwelt zur Last. Ein weiterer und wichtiger Grund, der uns für die Wing entscheiden ließ. Gleich an der Apotheke geht eine kleine Strasse ab, die durch den Ortskern nach Timmersloh führt. Timmersloh, zwischen Lilienthal und Seebergen, ist Norddeutschland pur. Durch Weiden und Äcker windet sich die schmale Straße, vorbei an bewirtschafteten Höfen. Hier ist es egal, ob es Montag oder Sonntag ist. Hier ist auch ein Sieg der Fußballmannschaft nicht so wichtig. Hier entscheidet das Wetter, hier entscheidet die Jahreszeit, was zu tun oder zu lassen ist. Hier ist der Ertrag der Ernte der Pegel des Wohlbefindens. Hier wird Glück und Geselligkeit an der Gesundheit des Viehs, der Freiwilligen Feuerwehr und dem Schützenverein gemessen. Nur wenige interessiert, „wat do achtern Diek is“. Und durch diese romantische und zeitlose Gegend fahren wir jetzt, wohl wissend, dass nur wir Städter den harten Alltag der hier lebenden Menschen als „romantisch“ empfinden. Fischerhude, Künstlerdorf und Ausflugsziel. Auch hier stehen Fachwerkhöfe, erinnert vieles an Landwirtschaft und Dorf. Aber hier, in dieser Ortschaft, benötigen nur noch die wenigsten Hofbesitzer ihre großen Scheunentore, um Heu einzufahren. Viele dieser Tore schützen geräumige Edelwohnzimmer, Großgaragen mit Nobelkarossen oder, in der voll verglasten Version, helle Ateliers alternativer Künstler. Um diese Zeit ist Fischerhude noch verschlafen, aber in wenigen Stunden tummeln sich hier Besucher, um sich Appetit auf ein ausgefallenes Mittagessen in der Wassermühle zu holen. Gleich hinter der Ortschaft geht es endlos durch die Wiesen. Wie mit dem Lineal gezogen, liegt die schmale Allee vor uns. Diese Strecke ist bei Motorradfahrern beliebt, aber auch berüchtigt. Problemlos kann man das Fahrzeug hier auf über 200 treiben. Lange geht es geradeaus. Dann plötzlich die scharfe 90-Gradkurve, die so manchem Raser zum Verhängnis wurde. Ich erlaube mir 90 Kilometer, bin damit ausreichend schnell für andere. Trotzdem bleibt Zeit, mit einem Blick die herrliche Landschaft in sich aufzunehmen, alte Bilder aus der Erinnerung aufzufrischen. Gleich hinter dem Bahnhof Sagehorn überqueren wir auf einer kunstvoll geschwungenen Brücke die Bahnstrecke Bremen – Rotenburg. Hier beginnt Oyten, das an der Straße Richtung Ottersberg liegt. So, wie bei uns in Bremen und dem Bremer Umland Ottersberg ausgeschildert ist, müsste dieser Ort eine Metropole geschäftigen Lebens sein. In großem Umkreis der Ortschaft sind Hinweise, die den geneigten Kraftfahrer oder Wanderer auf den rechten Weg führen wollen. Aber weit gefehlt, Ottersberg ist nichts weiter, als eine Kreuzung an der B75, an der neben einer Kneipe auch ein paar Häuser stehen. Ottersberg gönnt sich den Luxus eines eigenen Bahnhofs, angelegt in einer Zeit, als Häuslebauer aus Bremen nicht das Geld für einen Erst- oder sogar Zweitwagen zum Pendeln hatten. Kurz vor dem Ortsschild, gleich bei dem verwaisten Gebäude eines früheren Land-Rover-Händlers, geht die Verbindungsstrecke nach Posthausen ab. Beim Abbiegen sehen wir noch den Parkplatz und das kleine Wäldchen an der Straße, das, ähnlich der Brücke in Lilienthal, Kajakfahrern den Zugang zur Wümme bietet. Oft höre ich Leute davon reden, dass sie hier ihre Fahrt auf dem Fluss beginnen und sich Stunden später von einem Fahrzeug in Burglesum, wo die Wümme in die Hamme mündet, abholen lassen. Zwischen Völkersen und Ahausen gibt es einen schmalen Verbindungsweg durch die Niederung, der mich immer wieder magisch anzieht. Parallel zur B215, der Deutschen Fachwerkstraße, fährt man durch Weiden und Felder. Kaum wahrscheinlich, dass man jemandem begegnet, außer vielleicht einem Landwirt oder einem anderen Natursüchtigen. Wenn man dann über Eversen, Westerwalsede und Kirchwalsede fährt, kommt man bei Wittorf an die B440 nach Visselhövede. Mittagszeit, der Appetit macht sich bemerkbar. Wir beschließen spontan, am frühen Nachmittag im Garten den Grill anzumachen. Danach Siesta mit Füße hoch, Buch und Kaltgetränk. Aber vorher wollen wir noch in Verden ein Eis essen, was der Stimmung und dem Wetter nur angemessen ist. Knapp 25 Kilometer trennen uns von der Eisdiele, die wir auf der rot/grünen Straße schnell zurücklegen. Verden, Stadt an der Aller mit bewegter Vergangenheit. Heute ist Verden durch seine internationalen Veranstaltungen für Pferdebesitzer in ganz Europa bekannt. Aber obwohl diese Stadt ständig Gäste aus aller Welt begrüßen kann, ist der Stadtkern nicht überzogen aufgemotzt. Alles ist sauber, man findet, was man sucht, aber im Vergleich zu anderen Städten gibt es kaum Sehenswertes. Unser Eiskaffee ist am Rande des alten Stadtkerns, gleich am gut besuchten Parkplatz. Zwei Espresso, eine Eisschokolade mit nur Schoko und einen Krokantbecher… Eine einfache Bestellung, die das junge Mädchen lächelnd mit ihrem Handscanner bucht. Das Kaffee ist gut besucht, nur wenige Plätze sind frei. Wir legen unsere Jacken auf die beiden freien Stühle unseres Außentischs mit Blick auf den Parkplatz, ich setze die Sonnenbrille ab und wir machen Pläne für die baldige Heimfahrt. Nach nur wenigen Minuten kommt die junge Bedienung mit den Artikeln unseres Begehrens. Ein leichter Feuchtigkeitsfilm an den Eisbechern, leichter Dampf über den Espressotassen. Idealzustand. Ich sehe alles nur in Zeitlupe. Das Mädchen beugte sich über unseren Tisch, um die Becher vom Tablett zu nehmen. Eine leichte Neigung, die Tassen und Becher kommen ins Rutschen, kippen über den Rand und purzeln Salto schlagend auf den Tisch. Ups, wie unangenehm. Ich habe es nie für möglich gehalten, dass junge Mädchen solche Geräusche von sich geben können. Irgendetwas zwischen Knurren und Zischen, Quietschen und Stöhnen. Aber dabei nie das Lächeln verlierend. Ich sehe den Espresso in der Kunststoffhülle meiner Sonnenbrille verschwinden, das Krokanteis rutscht quer über den Tisch, um irgendwo am Tischrand zu verschwinden und mit einem unangenehmen Platschen auf dem Natursteinpflaster aufzuschlagen, nicht ohne vorher eine Berührung mit Monikas Hose gehabt zu haben. Zwischenzeitlich schwappt der Espresso aus dem Brillenetui heraus und ergießt sich, ähnliche Figuren bildend wie Wasser aus einem Rasensprenger, auf meine Motorradjacke und meine Hose. Allein mein Schokobecher steht, vom Daumen der Bedienung gehalten, auf dem noch immer mit starker Schräglage gehaltenen Chromtablett. Monika und ich haben uns noch nicht einmal bewegt, sitzen wie erstarrt auf den Korbstühlen. „Also mein Eis ist noch da….“ sage ich in die plötzliche Stille. Jetzt bewegt sich auch unsere Bedienung, stellt das Eis ab und verschwindet eiligen Schrittes Richtung Eingang. Mit unseren Servietten versuchen wir, den Schaden ein wenig zu begrenzen. Mein Brillenetui ist kaum zu retten, das Brillentuch ist kaffeegetränkt, meine Brille von antrocknendem Espresso nahezu undurchsichtig. Ich spüre die Wärme der Flüssigkeit am Bein, denn mittlerweile hat sie sich einen Weg durch die feinen Fasern meiner Hose gesucht. Aber ich komme gar nicht dazu, dieses Empfinden richtig wahrzunehmen, denn unsere junge Bedienung erscheint mit einer Sprühflasche und einem Handtuch. In der Erwartung, dass sie den Tisch reinigen und trocknen möchte, springe ich erschrocken auf, als sie die Espressoflecken auf meiner Hose besprühen möchte, die linke Hand schon nahe einer Stelle meines Beins aufgelegt, wo nur Monika Hand anlegen darf und ich sehr empfindlich bin. Was auch immer sie mir auf Italodeutsch sagen will, ich verstehe es nicht und gehe zur Toilette, um die Flecken selbst ein wenig herauszureiben. Ich lasse mir Zeit. Bei meiner Rückkehr stehen das neue Eis und zwei neue Tassen auf dem nun sauberen Tisch. Erfreulich, aber uns ist ein wenig die Lust vergangen. Darum halten wir unseren Aufenthalt in diesem Lokal auch kurz. Die Rechnung akzeptieren wir, als das Mädel uns mit den Worten „Espresso non bezahle, Espresso non bezahle…“ den Zettel auf den Tisch legt. Schnelle Heimreise, der Grill ruft, der Hunger nagt. Wir nehmen die Deutsche Märchenstraße, vorbei an Langwedel und Etelsen. Eine Veranstaltung im Schloss Etelsen behindert uns nicht wesentlich, zügig fahren wir an den Parkplatzsuchenden vorbei. Ab Achim huschen wir über die Autobahn, Tempo 120, unsere persönliche Reisegeschwindigkeit auf der Autobahn. An der Abfahrt Oberneuland überlegen wir, ob wir bis Horn durchfahren sollen, um den Bahnübergang zu umgehen. Aber heute, am Sonntag, sind die Züge und eine geschlossene Schranke seltener. Entlang der schattigen Bolljahn-Allee sind es bis zu uns nur ein paar Minuten Fahrweg. Das Ende einer schönen Ausfahrt. Gut 150 Kilometer mehr stehen auf dem Tacho. Wir fühlen uns wohl, hatten Spaß an dieser Fahrt, aber nun lockt die Stille unseres Gartens. Bald geht es wieder hinaus, aber für heute mag es genug sein.
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