... wenn mein Jüngster - so nebenher im Vorbeigehen -
sagt: Sonntag spielen wir unlugged. Für solche Auftritte hat Peter seine
Kongas. Moritz ist seit seinem Geburtstag stolzer Besitzer eines
Akustikbasses. Hannes spielt seine ramponierte Seagull. Tja, und mein Claas?
24-Stunden-Gitarrist, 17 Jahre alt. Musiker mit dem ersten Gedanken an jedem
Morgen?
Bislang hieß dieser eher unbedeutende Nebensatz für
mich:
1. Ich brauche Deine Gitarre
2. Ich brauche Deinen Verstärker
3. Gib auch Kabel, Chorus, Equilizer dazu
4. Fahre mich zum Auftritt und hole mich wieder ab.
Es gibt Dinge, die kann man einem 17jährigen nicht
allein aufbürden. Zum Beispiel das Fahren. OK, machen wir das. Die Jungs
spielen wirklich super und wir hören gerne zu. Nicht nur aus Höflichkeit
oder Elternstolz.
Wo allerdings meine Toleranz arg am knicken ist ( nicht
nur als Vater, besonders als Musiker ), ist das Verleihen meiner Gitarre.
Der Amp mag noch gerade so gehen. Aber die Gitarre???? Ich habe sie ihm
einige Male, mit blutendem Herzen und erheblichen Bauchschmerzen, zu seinen
früheren Auftritten mitgegeben. Aber der Junge hat Geld genug, sich eine
Bühnengitarre zu kaufen. Auch, wenn der Führerschein noch aussteht.
Diese Tage war es dann soweit. "Wir spielen unplugged..",
murmelte er, irgendwann kurz nach dem Aufstehen. Also so gegen frühen
Nachmittag. Keine Ahnung, was ich gesagt habe. Viele Faktoren mögen dabei
eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. Resultat war jedoch, dass er
sich einige Zeit mit dem Internet beschäftigte und mir eine Liste vorlegte,
auf der so ziemlich alle Taylor mit Cutaway und die aktuellen Preise
standen. Auch einige Martin, Gibson und Takamine standen dabei, aber seit
unseren "Findungsfahrten" im letzten Sommer, wo wir fast 1500 Kilometer im
Norddeutschen Raum herumgefahren sind und Gitarren für ihn getestet haben,
steht eigentlich Taylor auf Platz eins. Für unsere / seine Musik die
richtige Gitarre.
Leider ist Bremen das absolute musikalische Nirwana.
Ein tiefes Loch ohne nennenswerte Musiker und ohne nennenswerte
Gitarrengeschäfte. Nicht umsonst kamen im letzten Jahr diese vielen
Kilometer zusammen. Sogar Fachzeitschriften verlangen vom potentiellen Leser
eine Anfahrt von mehreren Kilometern. Aus diesem Grunde, und auch weil Claas
irgendwie entschlossen wirkte, entschlossener als in den letzten Monaten,
rief ich bei der Firma Headliner an. Headliner ist der Importeur für diese
Edelmarke. Nachdem ich meine Probleme geschildert hatte, wurde ich an ein
Geschäft in Bochum verwiesen, welches als besonders gut sortiert gilt. Und
wirklich, alle CE-Modelle waren zum Antesten bereit und verfügbar. Und ein
paar hundert andere Gitarren zum Vergleich auch...
Ich machte einen Termin für Mittwoch und nahm ein paar
Tage Urlaub. Immerhin ist das Aussuchen und der Kauf einer Gitarre für einen
Musiker ein wirklich wichtiges Ereignis. Besonders, wenn es die erste eigene
dieser Art ist. Sicher, wir haben schon ein paar Gitarren. Es sind auch ein
paar gute und sehr gute dabei. Aber diese ist etwas Besonders, weil es seine
erste eigene und hochwertige Western werden soll.
Der Ritt dauert, dank der vielen Baustellen, rund
dreieinhalb Stunden. Einfache Strecke. Aber wir werden mehr als nur dafür
entschädigt, als der sympathische junge Fachberater uns eine Kollektion der
schönsten Gitarren aufbaut. Man merkt, dass er genau weiß, wovon er spricht.
Ich möchte ihm eigentlich die Geschichte erzählen, als mein Sohn und sein
Freund vor ein paar Tagen bei den Mitbewerbern in Hannover ( wie auch
ehemals einmal in Ibbenbüren ), freundlich, aber doch recht bestimmt
aufgefordert wurde, mit seinem Freund "...hier keine Session zu machen", und
indirekt gebeten wurde, den Testraum zu verlassen. Und das, obwohl der
Kaufwunsch und der Rahmen durchaus bekannt gewesen sein sollten. Immerhin
waren wir schon einige Male da... Nun gut, in Bochum hat Claas das gefunden, was er haben
wollte. Und das mit freundlicher Beratung und zu einem vernünftigen Preis.
Nach dem KO-System brachte ich zunächst die 310er
zurück. Ein wenig flach im Ton mit wenig Bass, trotzdem ein tolles
Instrument. Die 410er klang ähnlich und verlor im Vergleich zur 510er durch
die Bespielbarkeit und den Hals. Die 510er hat Tiefe, Volumen und ist schön
bespielbar. Klare Töne, nicht verwaschen in den Höhen und den Bässen. Im
Preis-/Leistungsverhältnis wäre sie ( wohlgemerkt "im direkten Vergleich mit
den anderen dort stehenden Gitarren" ) meine erste Wahl gewesen. Die Decke
hat viel Luft nach oben, wenn es um die Flamme des Holzes und
Klangentwicklung geht. Das neue Pickup-System ist ein Gedicht und der Preis
war auch noch im Limit.
Nun, aber die absolute Krönung dieses Tages war die
letzte Gitarre, die Claas parallel zur 510 spielte. Ich stand, durch eine
Trennwand ohne Sichtverbindung, und hörte nur zu. Die letzte Gitarre klang
wie eine Glocke, klar, rein und ohne Schnörkel. Ein klarer, nicht brummiger
Bass, hell, wie eine Kinderstimme in der Mitte, Höhen, wie ich sie so noch
nicht "life" gehört habe. Ich rede von der Taylor 610 CE-L30. Dem
Anniversary-Modell mit dem neuen Expressionsystem. Nicht nur klanglich, auch
optisch ein absoluter Traum. Er spielte beide Gitarren abwechselnd. Und bei
der 610 hatte man das Gefühl, alle anderen Gitarren hätte er unter einer
Wolldecke gespielt. Dass er dann nur eine(!) Entscheidung treffen konnte,
war uns allen klar.
Er hat sich die 610-CE-L30 gekauft. Gut, reden wir
nicht vom Geld. Er hat es sich mit seinem Schülerjob über ein Jahr
zusammengespart und schiebt den Führerschein um ein paar Monate. Und er
argumentiert, dass es "die" Gitarre ist, die ihn sein Musikerleben begleiten
wird. Er ist stolz, mit Recht. Er besitzt eine Gitarre, die ihresgleichen
sucht. "Eine von 10000", die einzige 610-CE-L30 in Deutschland. Könnte man
das Leuchten in seinen Augen mit Gold aufwiegen, würde er reich werden...
Es war die richtige Entscheidung für ihn. Davon bin ich
überzeugt. Und ich bin neidisch ohne Ende, aber das sage ich ihm nicht so
direkt....
Aus Sicht des Vaters gibt es noch ein paar
Überlegungen, die mir, wider besseren Wissens, nicht aus dem Kopf gehen:
a. Der Sohn hat sein ganzes Geld für diese Gitarre
ausgegeben. Ich konnte ihn nicht dazu bringen, sich ein Limit darunter zu
setzen. Aber sein Gegenargument, dass diese Gitarre fast eine Kapitalanlage
sei, ist so nicht schlecht. Theoretisch, denn er wird sie nicht wieder
hergeben. Auch hat er recht mit der Aussage, dass ein Auto Kosten
verursacht, diese Gitarre aber die Möglichkeit bietet, Geld zu verdienen.
b. Im Vergleich mit den Besten verlieren die Guten....
So muss man es sehen. Wären wir in einem anderen Geschäft mit weniger
Auswahl gewesen, wären wir vermutlich ohne oder mit einer 310er / 410er
heimgekommen. Nur um eventuell irgendwann eine Gitarre dieser Art zu spielen
und zu träumen. Klar, wir reden hier von Preisen, die irgendwie irrwitzig
sind. Zumindest für uns Normalverdiener mit familiären Verpflichtungen. Aber
anders herum: Wenn er das Geld hat, den unumstößlichen Wunsch hat und 24
Stunden nur "Gitarre" denkt, dann muss es wohl so sein. Welcher Vater würde
das versuchen zu blocken?
Als Vater habe ich an Vernunft und finanzielle Zukunft
appelliert. Ich erinnerte an Wünsche, wie Führerschein, Urlaubsfahrten, Auto
oder Motorrad. Nichts hat gefruchtet, mein Vaterherz bekam Stiche und hat
leicht geblutet.
Als Musiker und Gitarrist schrie es in mir "Tu es, mach
es, nimm sie...". Ungeachtet der Ausleihaktionen zu den Unpluggedauftritte (
siehe oben ). Ungeachtet der Finanzen ( immerhin steht der 18 Geburtstag und
das Abi noch aus, eine Gelegenheit für väterliche Zuwendungen... ).
Tja, nun haben wir "noch" eine Gitarre bei uns stehen.
In den nächsten Wochen ( Ferien... ) werde ich wohl, aufgrund der kleinen
Wohnung und der zeitlichen Einschränkungen durch Arbeit, spätes Aufstehen
der Söhne und frühe Schlafenszeiten der Eltern, nicht zum eigenen
Gitarrespielen kommen. In der Zeit, in der ich ein wenig spielen könnte,
wird Claas vermutlich seine 610er klingen lassen. Zwischen Aufstehen am
frühen Nachmittag und dem Gang zu Freunden oder Disco, wenn wir uns in die
Koje begeben müssen. Aber sei's drum. Ich gönne es ihm und beneide ihn. Das
ist halt der Lauf der Zeit und den mag ich nicht aufhalten.....